DORISSA LEM – SKULPTUR

Statement

zu meiner künstlerischen Arbeit
Dorissa Lem
Lebensfrucht I
Lebensfrucht II
Lebensfrucht III
Lebensfrucht IV
BlindzeichnungV
Das Material Holz und die skulptierende Arbeit mit diesem Werkstoff bilden Ausgangspunkt und Bezugsrahmen meiner künstlerischen Arbeit. Von hier aus gelange ich zu weiteren Bereichen: Malerei (Öl auf Holz), Frottage (Abriebtechnik auf Holz) und Blindzeichnung (wiederkehrende Motive: Holzstrukturen, Schädlingsgänge).

Ich stehe mit meinem Kunstschaffen in der Tradition der Klassischen Moderne; insbesondere das Werk von Barbara Hepworth hat mich in den Anfangsjahren meiner Arbeit berührt und inspiriert.


Skulptur

Mein bevorzugtes Material ist Holz, alle möglichen Arten von Hölzern, gerne harte. Widerstand dient mir bei der Formfindung. Meine Skulpturen entstehen rein manuell.

Ich arbeite von einer Idee ausgehend prozessorientiert und im Dialog mit dem Material. In der Regel treibe ich Öffnungen durch das Holz, spitzoval oder eckig; über die Durchblicke entstehen Verknüpfungen zu den zyklischen Themen: Wandlung, Tod, Neuwerdung, Licht, Geburt.

Die Außenform bleibt zuweilen als Stamm erhalten, im Kontrast zum durchgearbeiteten Inneren; immer ziele ich auf prägnante Einfachheit. Meine Skulpturen laden dazu ein, be-griffen zu werden. Berührung und Berührbarkeit sind mir wichtig: Nähe, Wärme, Erotik, Stabilität. Auch musikalisches Erleben, überhaupt Klänge, wirken in meine Arbeit hinein, was sich in Titeln niederschlägt – z. B. "Fuge", "B.A.C.H.", "Kalimba".

Seit 1995 habe ich verschiedentlich auch mit Stein gearbeitet. Ihm konnte ich mich über Klang und Rhythmus nähern; es ist eine völlig andere Art des Arbeitens als mit dem Material Holz und am schönsten in einem weiten Landschaftsraum, wie ich ihn auf Portland (englische Südküste) erlebt habe.



Malerei

Auch meine Ölmalerei hat Bezug zur Skulptur: ich arbeite mit Spachtel auf Holzplatte, lege Schichten übereinander, die ich in dynamisch-rhythmischen Bewegungen mit der Spachtelkante aufreiße. Die so entstehenden Rillen sättigen sich beim nächsten Auftrag wieder mit Farbe. Auf diese Weise bildet sich allmählich ein im Farbraum schwingendes Netz von Linien.



Frottage

Bei dieser grafischen Abbildungstechnik reibe ich die Oberfläche von Hölzern mit Bleistift durch ein aufgelegtes Papier. Es entstehen Strukturen mit reliefartiger Wirkung, die ich mit Foto-Fragmenten von Skulpturen oder mit Blindzeichnungen ergänze und gelegentlich koloriere.


Blindzeichnung

Ich betrachte ein Motiv, z. B. Formen in einem Holz oder Stein, meine Augen folgen ihrem Verlauf – währenddessen zeichne ich, ohne auf das Papier zu schauen. Auch Klängen und Stimmen lauschend fertige ich solche Zeichnungen an – ich bezeichne sie auch als „Klangprotokolle“. . Dieser Vorgang dauert nur kurz, dann schaue ich mir die Zeichnung an und bearbeite sie.

Ich liebe diese Art, den Stift über das Papier gleiten zu lassen: indem ich zunächst auf die Kontrolle durch das Auge verzichte, biete ich mir etwas an, was ich noch nicht kenne; das Resultat ist immer eine Überraschung, die mich im weiteren Verlauf zu neuen Ergebnissen, sozusagen zu unbekannten Ufern führt. Ich liebe auch die Leichtigkeit dieser Arbeit – als Gegenpol zu den oft mühseligen und langwierigen Prozessen beim Skulptieren im Holz oder der vielschichtigen Ölmalerei.

August 2010                  Dorissa Lem